DAS EIGENE ICH
selbstportraits von lilo c.karsten

schon früh, mit 13 jahren, beginnt lilo c.karsten (geb. 1956) ihr eigenes bildnis zu studieren und es mit der kamera festzuhalten. bis heute fängt sie mit ihren verschiedenen kameras herausragende aber auch ganz unbedeutende augenblicke ihres lebens ein. die aufnahmen zeigen lilo c. karsten allein oder in begleitung, ihr gesicht oder ihren körper, bekleidet oder nackt, auch hochschwanger, manchmal nah und manchmal aus der ferne. als jugendliche benutzt sie eine einfache agfa-box, spätewr dann verschiedene andere kameras.

heute greift sie häufiger wieder zu einer ganz simplen lomo. die kamera gelegentlich selbst im bild zu sehen, wird in ihrer hand zum werkzeug, vergleichbar einer palette in der hand des malers. doch versteht sich lilo c.karsten nicht als fotografin, sondern als künstlerin. die fotos sind innerhalb ihrer künstlerischen arbeit eigentlich immer nur eine art nebenprodukt - dokumente menschlicher begegnungen.

die erste serie mit männern zwischen 18 und 50 entsteht 1991-93. sie zeigt lilo c.karsten mit künstlerkollegen, freunden und fremden. in diesen "paarkonstellationen", es sind 49 doppelportraits, geht sie der frage nach, ob jeder mann ein potenzieller partner ist. eine zweite serie mit männer aus 18 ländern nimmt sie in berlin auf der strasse auf, nachdem sie mit ihnen über die ausländerfreundlichkeit der deutschen sprach. im kreis von schwangeren fotografiert sie sich als zwanzigjährige, dann später, als sie selbst schwanger ist, zwischen nichtschwangeren.

"mit der identität spielen, sich verkleiden, mit neuen möglichkeiten experimentieren: diese themen gibt es in der frauenfotografie seit beginn der frauenbewegung." (c. bonney, yang mit einem qentchen ying, in: das aktfoto. ausstellungskatalog münchner stadtmuseum 1985, s. 158) die rolle der frau in bezug auf partnerschaft und kinder und ihre stellung in der gesellschaft wurden von fotografinnen, darunter u.a. jacqeline livingston, manon oder cindy sherman, seit den 1970er jahren kritisch, bisweilen bissig und zum teil brutal direkt hinterfragt.

die in der ausstellung gezeigten fotografischen selbstportraits von lilo c.karsten stehen ganz in dieser tradition. sie sind dokumentarische bestandsaufnahme eines lebens, zeigen ihre stärken, ihre schwächen, ungeschminkt, ungeschönt und unpathetisch. die portrait- und aktaufnahmen erlauben einen fast voyeuristischen blick auf die person und in das leben der künstlerin. dabei unterstreicht lilo c.karsten ihren eigenen, künstlerischen standpunkt - zeigt ihr thema, sich selbst, ganz bewusst aus der sicht einer frau. gerade künstlerinnen können durch ihre arbeit sehnsüchte, probleme und ängste sehr direkt ansprechen. frauen sehen, empfinden und vermitteln themen wie partnerschaft, mutterschaft, körperlichkeit oder auch sexualität naturgemäss von ihrem standpunkt aus völlig anders, oft viel schonungsloser als ihre männlichen kollegen.

ein solcher, bewusst weiblicher standpunkt wird auch in den fotos von lilo c.karsten offenbar. sie gibt den blick auf ihr leben frei, ja fordert ihn geradezu heraus und bezieht uns in ihr leben ein. ihre portraits treten uns unvermittelt entgegen und kommen uns sehr nahe, fast schon körperlich nahe.

elesabeth boser/ jutta mannes

 


THE OWN EGO
selfportraits by lilo c.karsten

already very early, at the age of 13, lilo c.karsten starts studying her own apperance and recording it with a photocamera. over a period of 20 years, till today, she captures extraordinary, but also of some completely insignificant moments of her life with various cameras. as an adolescent, she uses a simple agfa box camera, later several other cameras. today, she uses more and more a simple lomo camera. they show lilo c.karsten alone or in company, her face or her body, dressed or naked, well advanced in pregnancy, sometimes close and sometimes from distance. in her hand the camera, sometimes included in the image, turns into a tool, like the palette in the hand of the painter. still, lilo c.karsten does not understand herself as a photographer, but as an artist. actually, within the frame of her artistwork, her photos are just aspin- off- dokuments of humen encounters. the first series with men betmeen 18 and 50 years of age develops from 1991 to 1993. they show lilo c.karsten with artist colleagues, friends and strangers. in these " couple constellations", in fact 49 double portraits, she explores the question : is every man a potential partner ? on the streets of berlin, she creates a second series with men from 18 countries, after talking with them about the xenophilia of the germans. "playing with identity, dressing up, experimenting with new possibilities : in female photography, these subjects have been dealt with since the beginning of feminism." (c. bonney, yang with a bit ying, in "the nude photo", exhibition catalogue, munich municipal museum, 1985, p.158) gender- related motivs in photography, like women, children, kitchen or the position of women in society have been questioned by female photographers like jaqueline livingston, manon or cindy sherman since the 1970s with a critical, sometimes snappy, partly brutal stance. the photogrphic selfprtraits by lilo c.karsten (born in 1956) shown in this exhibition are part of this tradition. they are documentary record of a live, showing her strengths, her weaknesses,without make- up, unretouched and unpathetic. the portrait and nude photos allow a nearly voyeuristic view of the person and the life of the artist. at the same time, lilo c.karsten underlines her own artistic perspective - showing her subject, herself, deliberately fromthe standpoint of a woman. especially female artists can address desires, problems and anxieties very directly through their work. women perceive subjects like partnership, motherhood, bodiliness or sexuality naturally from their female point of view. they see,experience and express such themes completely different as well, often much more unsparingly than their male colleagues. such a deliberate, female perspective is also manifested in the photos of lilo c. karsten. she uncovers a view of her life, even provokes it, by including us in her existence. this way, her portraits encounter us immediately and get very close to us, in a nearly physical sense.

elisabeth boser/ jutta mannes