DER WERT DER DING

lilo, die ihren namen umgangssprachlich verkürzt von der mutter vererbt bekam und ihn bereits an die dritte generation, an ihre tochter weitergab, (lilo- mutter, lilo, lilly), tönt beinahe nach einem geheimcode eines matriarchalen stammbaumes. hat ihr künstlerisches veräußern etwas mit weiblicher perspektive zu tun? lilo k. (k. wie kunst ?), wie sie sich früher nannte, ließ den abgekürzten buchstaben fallen, erklärte ihren eigennamen zum markenzeichen. wenn ich mich darüber aufhalte, dann deswegen, weil lilo k(unst) und lilo k(arsten) ziemlich identisch geworden sind. in lilo karstens gouachen, übermalungen von zeit - schriftenblättern und radierungen steckt vor allem lilo k. karstens alltag besteht aus wahrnehmen der umgebung. draussen findet sie fundstücke. sie hebt auf, was weggeworfen wurde, was andere ge- und verformt, was natur und witterung abgeschliffen haben. was sie draussen findet, sind aber auch seelenstücke, gesammelte fragmente aus dem persönlichen inneren, ängste, zuversichten, drängendes und muße. die spuren der innen- und aussenwelt häufen sich in ihrem atelier wie auf einem wunderblock, der alles vergisst und doch nichts verliert. zwischenlagern ist ihre in die alltäglichkeit integrierte künstlerische haltung. geschautes und gesammeltes allein sind jedoch noch keine indizien für kunstwerke. vielmehr ist es das abarbeiten und wegschaffen der alltäglichkeit, das berühren von wirklichkeit mit ihren durch werkzeuge verlängerten fingern. indem lilo den ballast beschaut benennt und berührt, verschwindet er. in diesen das wohlbefinden steigenrnden (selbst)reinigungsprozess klinkt lilo ein feinmaschiges sieb ein. wie in einem tagebuch kristallisieren sich an diesem halbdurchlässigen filter auf beiden seiten fragmente aus dem innern und äußern; kostbares, mal bloss formschönes, mal extravagantes oder brüchiges. es sind (mut)proben des vielfältigen selbstbildes. also zur eingangsfrage zurück: nicht und doch. nicht, weil alltäglichkeit kein geschlecht hat, und doch weil die art des einbezugs eigener subjektivität und der mut zur ungesicherten selbstveräusserung m.e. vor allem von künstlerinnen überzeugend gelöst werden.

fritz vogel, zürich